Phänomenologie des Taxi-Alltags

Nach der eher psychologisch ausgerichteten „Typologie für Einsteiger“ wird es heute etwas philosophisch – wir betrachten nämlich die Phänomenologie des Taxi-Alltags. Es handelt sich hier um Beobachtungen und Erkenntnisse über bestimmte Erscheinungen bzw. Verwerfungen des Alltags, die durchaus auch in taxi-fernen Umgebungen auftreten können:

1. An diesem Halteplatz stehe ich in der Regel mindestens 45 Minuten und warte auf einen Fahrgast. Habe ich jedoch Lust, mir beim direkt am Platz befindlichen Bäcker einen Kaffee zu kaufen, kann ich sicher sein: auch wenn ich beim Reingehen Vierter war, kaum komme ich mit meinem Becher wieder aus dem Laden, bin ich das einzige Taxi und der Fahrgast steht schon freudestrahlend an der Tür …

2. Ich kann den ganzen Tag leer durch die Straßen unserer Stadt fahren, es winkt garantiert nur jemand, wenn ich mal besetzt bin!

3. Je länger ich mir an diesem Stand die Räder viereckig stehe, um so kürzer wird die nächste Tour sein.

4. Ich habe nur noch 12 € und 35 Cent Wechselgeld in der Tasche – mit tödlicher Sicherheit will der nächste mit ´nem Hunni bezahlen! (hier bewahrheitet sich übrigens umgekehrt auch die alte Volksweisheit „Nur wer schon hat, dem wird gegeben.“, bzw. „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“: habe ich einmal ca. 20 € in Münzen im Sack, sind es abends mindestens 50!)

5. Der Sprit geht bedrohlich zur Neige – ich beschließe, nach der nächsten Tour zu tanken. Diese geht dann bestimmt über 40 km weit, die ich schweißgebadet und mit ängstlichen Blicken auf die Tankanzeige absolviere …

6. Am Flughafen lade ich nach Wiesbaden ein. Die Straße ist mir und dem Fahrgast völlig unbekannt, aber ich denke beruhigt: „du hast ja einen Rhein-Main-Atlas.“
Nur ist ausgerechnet diese bestimmte Seite spurlos verschwunden!

7. Der Fahrgast wohnt in einer engen, kleinen Straße, die wahrscheinlich nur von ca. 3 Autos pro Tag befahren wird. Ich muß einen Fahrauftrag ausfüllen. Garantiert taucht nach wenigen Sekunden aus dem Nichts ein Wagen hinter mir auf und hupt empört …

8. Der Funkauftrag ist äußerst eilig, ein anderer Kollege hat die Adresse nicht gefunden, der Fahrgast hat reklamiert. Ich kann sicher sein, daß wie bei „Der Hase und der Igel“ mich um die nächste Ecke herum die Müllabfuhr angrinst: „Ick bün al dor!“

9. Die Straße ist angenehmer zu fahren, als die große Hauptstraße; weniger Verkehr, weniger Ampeln, man spart Zeit. Sie hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: einen Bahnübergang.
Was passiert, wenn ich mal da entlang fahre? … Erraten!

10. Ich mache in der Regel schon 30 – 45 Minuten vor dem Ablösetermin Feierabend. Der Nachtfahrer kommt viel später, ich sehe ihn fast nie. Nur zu folgenden Gelegenheiten: Komme ich einmal eine halbe Stunde später ins Büro, sitzt er dort und schaut mich vorwurfsvoll an …

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10 Antworten auf Phänomenologie des Taxi-Alltags

  1. Olf sagt:

    Pah, Phänomenologie – das ist Murphy’s Law, Taxi-Edition. :-)

  2. Londo sagt:

    Die Straße aus Punkt 9 kenne ich. Sie führt von der Maulbeerallee (Arheilgen) zur Hammelstrift (Kranichstein) hinüber. Manchmal habe ich den Verdacht, dass dort irgendwo hinter der Kurve ein Zug lauert, der sich genau dann in Bewegung setzt, wenn ich mal über den Bahnübergang fahren will.

  3. taxiblogger sagt:

    @Londo:
    schon mitbekommen, daß der Untertitel meines Blogs „Straßenabenteuer in Frankfurt“ lautet? ;-) Wer es genauer wissen will: es ist die Oeserstr. von Rebstock bis Nied!

  4. regioblog sagt:

    Was auch in meiner Zeit in der Nachtschicht regelmässig im hintersten Eck Frankfurts passierte:
    Ein Laufkunde kommt an mein Taxi, während ich auf einen anderen Fahrgast warte, mit der Bitte „Rufen sie mir einen Kollegen, ich warte solange?“.
    Kaum hab ichs über Funk an die Zentrale weitergeben und der Auftrag ist rausgegangen, winkt der Laufkunde garantiert ein „zufällig“ vorbeifahrendes Taxi ab.

  5. Ahmet ABAY sagt:

    Am 23.04.07 habe ich meinen Fahrdienst versehen. Ich stand schon über eine Stunde am Halteplatz vor dem Hauptbahnhof in Berlin. Gegen 07.10 Uhr erschien eine männliche Person am Haltepaltz, trat an mein Fahrzeug heran und fragte, ob ich ihn zum Bundeswehrkrankenhaus für ein Kurzstreckenpauschaltarif befördern könnte. Ich äußerte, dass ich schon über eine stunde am Haltepaltz warten würde und ob er sich ein fahrendes Fahrzeug oder den letzten an dem Haltepaltz zur Beförderung nehmen könnte. Er gab mit gegenüber an, das ich ihn befördern müßte. Ich tat es nicht. Anfang Juli erhielt ich vom Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Referat Farherlaubnisse, Personenbeförderung) einen Bußgeldbescheid in Höhe von 222,21 €. Mir wurde vorgeworfen, dass ich gegen die Vorschrifen des § 22 Personenbeförderungsgesetzes verstoßen habe und eine Ordnungswidrigkeit nach § § 35 bis 36 und 65 OWIG geandert werde.
    Meine Frage und anregung ist es zu erfahren, ob ich im recht stehe und ob es sich lohn ein Widerspruch einzulegen.
    Mit freunlichen Grüßen, Ahmet Abay

  6. taxiblogger sagt:

    @Ahmet Abay:
    Der Kurzstreckenpauschaltarif, sofern es ihn überhaupt noch gibt, gilt nicht am Halteplatz. Da ich aber die Verhältnisse in Berlin nicht mehr so gut kenne, rate ich dir, einen Anwalt zu konsultieren.

  7. Ahmet ABAY sagt:

    Ich habe leider keine Rechtschutzversicherung und vermute, dass die Kosten beim Anwalt eventuell die Geldbuße übersteigen würde..
    Trotzdem DANKE für den Rat…:-))

  8. Ahmet ABAY sagt:

    Ist es möglich die Kosten des Bußgeldbescheides zu verringern

  9. @Ahmet: Wenn die Aussage des Taxibloggers stimmt (ich kenne hier in Paderborn keine Kurzstreckenpauschaltarife, kann also nichts zu deren Gültigkeit sagen), wäre ein begründeter Einspruch gegen den Gebührenbescheid eine sehr gute Idee. Ist denn bei Euch in der Zentrale keiner, der Dir da konkrete Auskunft geben kann? Taxiordnung?

    Dafür braucht man erstmal keinen Anwalt und wenn der Einspruch nicht akzeptiert wird, kannst Du immer noch weiter überlegen (oder einfach resigniert zahlen).

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